Die Zeit
Gold ist ein schmutziges Geschäft

Wie ein australisches Unternehmen in Rumänien eine Umweltkatastrophe auslöste

Reiner Luyken

2000.02.24


Bozinta Mare -  Als der rumänische Kleinbauer Jentea Gavril frühmorgens am 31. Januar die Feldstraße von Bozinta Mare zum Flussufer hinunterstapfte, fand er eine Verwüstung vor. Wiesen waren überschwemmt. Ein Feldgraben hatte sich in einen tosenden Fluss verwandelt. Eine Brücke hing schräg in dem ausgehöhlten Graben. Am Straßenrand lag ein umgekippter Toyota Pick-up. Das Flutwasser war eine mit Cyanid versetzte Brühe zum Goldwaschen. Sie hatte den Damm eines Speichersees durchbrochen, ergoss sich durch den Feldkanal in die Lapus, von der Lapus in die Somes und von der Somes jenseits der ungarischen Grenze in die Theiß.

Auf ihrer gemächlichen Bahn flussab tötete die Giftbrühe dort jedes Leben. Vergangene Woche kam sie, jetzt in der Donau, wieder in Rumänien an, diesmal im Süden des Landes. In den Städten Orsova und Turnu Severin wurde Trinkwasseralarm gegeben. Anfang dieser Woche erreichte die Chemiebrühe das Flussdelta im ukrainisch-rumänischen Grenzgebiet. Trotz der dreiwöchigen Verdünnung maß das ukrainische Ministerium für Katastrophenschutz immer noch das Vierfache des zulässigen Grenzwertes an Cyanid.

Die ungarischen Behörden behaupten, es handele sich um die größte Umweltkatastrophe seit Tschernobyl. Das ist sicher übertrieben. Ob die Theiß tatsächlich - wie behauptet - acht Jahre zu ihrer Regeneration benötigen wird, wird sich zeigen. Noch abwegiger sind allerdings rumänische Behauptungen, in zwei Wochen werde alles wieder beim Alten sein. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo in der Mitte.

Der eigentliche Skandal ist die Ursache des Unglücks - die neokoloniale Ausbeutung eines der ärmsten Länder Europas durch eine führende Industrienation. Der australische Goldkonzern Esmeralda springt mit der rumänischen Bevölkerung um wie Shell mit den Ogoni in Nigeria. Die Firma muss sich die nationale Einordnung - jeder spricht hier nur von "den Australiern" - gefallen lassen. Das Firmenemblem der rumänischen Esmeralda-Tochter Aurul SA ist ein Känguru auf grünem Grund mit gelbem Rand - die Farben der australischen Kricket- und Rugby-Nationalmannschaften. Seit Jahren versucht sich Australien als "ökologische Supermacht" zu profilieren, hier ist davon nicht viel zu merken.

Bozinta Mare liegt zehn Kilometer westlich der potthässlichen Industrie- und Bergbaustadt Baia Mare. Das Umland ist hübsch, eine "bezaubernde Landschaft, dichte Kastanienwälder, goldreiche Berge", wie es im Reiseprospekt steht. In dem Bauerndorf Bozinta Mare haben die meisten Höfe einen eigenen Backofen, ein Pferdegespann und einen eigenen Brunnen. Jetzt wagt niemand mehr, das Brunnenwasser zu trinken.

Das Dorf lebt schon seit einem Jahr mit dem Gift. Die Australier nahmen im vergangenen Frühling knapp einen Kilometer westlich des Dorfes einen neuen Speichersee in Betrieb. Jentea Gavril sagt, ihm tränten seither bei der Feldarbeit die Augen. Er hält wundschorfige Finger, die nicht heilen wollen, als Beweis in die Höhe, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Sein Nachbar Ivolschi Costica fiel beim Mähen beinahe um, als er, wie er es beschreibt, eine aus dem Boden aufsteigende Dampfwolke einatmete. Florian Tomasion behauptet, er habe beobachtet, wie Enten auf dem See landeten und kurz danach tot im Wasser trieben. Im Nachbardorf Sasar verendeten drei Kühe, als mit Cyanid versetztes Wasser aus einer leckenden Rohrleitung austrat.

Eigentlich sei es "eine gute Sache", was die Australier hier täten, erklärt ein örtlicher Bergbauingenieur, der aus Angst vor Pressionen seinen Namen nicht nennen möchte. Im Umkreis von Baia Mare gibt es über zehn Erzbergwerke. Eines in der Stadt, andere hoch in den Bergen. Aus dem dort geförderten Gestein wird in einem riesigen Kombinat am Ostrand der Stadt Gold, Silber, Blei, Zink und Kupfer gelöst. Das Kombinat gehört der britischen Firma Allied Deals. Die Briten tun nichts anderes als die Rumänen zuvor. Sie schaffen es nicht, mehr als zwei Drittel bis drei Viertel des Goldes aus einer hier sehr festen Verbindung mit Tellur zu brechen. Mit dem Restprodukt, einem feinsandigen Schlamm, werden seit Jahrzehnten vulkanförmige Schlackenberge im Westen der Stadt aufgeschichtet. Die "Vulkanseen" sind leicht mit Cyanid verseucht. Das Cyanidwasser wird mit Chlorsalz neutralisiert und in die Lapus gepumpt.

Rumänische Mineralogen dachten seit langem darüber nach, wie man das Restgold aus dem Sand waschen könne. Ihnen fehlte das Geld und das Know-how. 1990 kamen die Australier und versprachen beides. Sie gründeten ein Joint Venture mit einer einheimischen Firma. 1993 begannen sie, die nötigen Genehmigungen zu besorgen. Nicht von der örtlichen Umweltbehörde, sondern direkt vom Ministerium in Bukarest. Niemand will glauben, dass dabei keine Schmiergelder im Spiel waren; denn Sicherheitsstandards gibt es auch in Rumänien. 1997 bauten die Australier eine Aufbereitungsanlage. 1998 schürften ihre Planierraupen das Bett für einen neuen Speichersee aus. 1999 begann die Produktion.

Es stellte sich heraus, dass die australische Technologie sehr unkompliziert ist. Sie arbeitet mit enormen Cyanidgaben. Der resultierende, hochgiftige Schlamm wird in den drei Kilometer westlich der Aufbereitungsanlage gelegenen See gepumpt. Dort setzt sich der Sand ab. Das cyanidhaltige Wasser läuft zurück in die Produktion. Ein "geschlossener Wasserkreislauf", rühmten die Australier. Umweltfreundliches Recycling.

Das Wetter sei schuld, sagt die Firmenleitung

Örtliche Spezialisten wiesen von Anfang an auf Schwächen des Systems hin. Es hat keinen Sicherheitsmechanismus, weder Pipelines zur Ableitung überschüssigen Wassers noch einen Überlaufkanal. Die Australier verzichteten auf eine Wasserkläranlage und Wasserfilter. Sie wischten mit dem Hinweis auf ihre überlegene Technologie alle Einwände vom Tisch.

Die Rumänen hatten auch über Jahrzehnte Erfahrungen beim Aufschütten von Schlackenbergen unter den hier vorherrschenden geologischen und klimatischen Bedingungen gewonnen. Die Australier wussten es besser. Anstatt ein Fundament aus schwerem Gestein zu legen, begnügten sie sich mit einem Doppelwall aus Sand. Der äußere Wall ist mit schwarzer Plastikfolie abgedeckt. Als der innere Damm am 30. Januar um 22.45 Uhr dem Wasserdruck nachgab, hielt der äußere Wall nichts zurück.

Die Australier geben dem Wetter die Schuld. Am 30. Januar lagen 80 Zentimeter Schnee auf dem zugefrorenen See. Tauwetter setzte ein, verbunden mit dichtem Schneeregen. 30 Millimeter Niederschlag in 24 Stunden. Der einheimische Bergwerksingenieur hält das Wetter für eine dumme Ausrede. Alle sechs oder sieben Jahre liege hier so viel Schnee. Nach seiner Überzeugung hätte sich das Unglück selbst unter den gegebenen Umständen verhindern lassen. Durch "genaue Beobachtung des Wasserstandes und des Dammdruckes. Es gibt Methoden, selbst kleinste Veränderungen frühzeitig festzustellen."

Die Goldwäscherei liegt in einem von einer ockergelben Stahlblechmauer eingefassten Areal. Dahinter stehen die Firmen-Toyotas mit den Buchstaben AUR im Nummernschild. Die Büros sind in schlichten Holzhäusern untergebracht, ein pionierhaftes Ambiente. In der örtlichen Gerüchteküche heißt es, Phil Evers, der leitende Manager, habe zwei Tage vor dem Unglück bei der Konzernmutter seine Kündigung eingereicht. Evers lässt sich von seiner Sekretärin verleugnen.

Den Dorfbewohnern von Bozinta Mare zufolge leckte sein Damm schon tagelang an der Stelle, an der das Wasser letztlich eine 25 Meter breite Bresche schlug. Zwei Tage lang strömte die Giftbrühe aus. Die Stelle ist provisorisch geflickt. Schläuche, Stahlrohre und Pumphähne liegen herum. Lastwagen wühlen sich durch das weiche Erdreich, kippen ockerbraunen Sand obenauf. Auf einem Schild an der Einfahrt steht: "Aktiver Schlamm. Zutritt verboten".

Wenn man sich von der Warnung nicht abschrecken lässt, kann man auf einem Pier, an dessen Ende ein tiefer Betonschacht eingelassen ist, bis in die Mitte des Sees hinausgehen. Lässt man einen Stein hineinfallen, saugt die Flüssigkeit ihn zäh ein. Blasen entstehen, die minutenlang nicht verschwinden. Übel riechende Dämpfe steigen aus der Tiefe.

Die Australier haben ihr Recycling aufgegeben. Sie pumpen überschüssiges Wasser jetzt in einen alten Speichersee um. Von dort gelangt es über Filterteiche in die rumänische Kläranlage, ein heruntergekommenes Gebäude aus den schlimmsten Zeiten des realen Sozialismus. Der Vorhof ist ein knöcheltiefes Schlammbad. Trotz des äußeren Erscheinungsbildes funktioniert die sozialistische Technologie offenbar besser als das High-Tech des Kapitalismus - allerdings unter Verwendung von täglich über 30 000 Liter Chlorsäure. Die Rumänen kamen mit 3000 Litern aus, heute riecht die ganze Gegend wie ein frisch gereinigtes Pissoir.

Am ungarischen Lauf der Theiß geht das Leben schon fast wieder seinen normalen Gang. In Szolnok stoßen junge Männer ihre kanadischen Sportkajaks in den breiten, vom Schmelzwasser angeschwollenen Strom. Der Manager einer Karpfenzucht in den Flussniederungen bei Kisköre sagt, seine Fische seien "okay". Die Zucht unterliege keinen Verkaufsbeschränkungen. Sie verfüge über einen "geschlossenen Wasserkreislauf". Das klingt vertraut.

Unter der Theißbrücke im Naturpark Hortobágyi steht ein Abfallcontainer mit sechs, sieben Dutzend Flussfischen, die Hälfte davon mächtige 20- und 25-Pfünder. Ein Fischer hat sie am Vormittag mit einer Stechgabel am Ufer aufgesammelt. Die meisten Fische sind alte Kadaver. Doch etliche, das kann man an den rosa Kiemenlappen sehen, sind erst ganz frisch verendet. Das Gift ist noch im Wasser.

Der Fischfang in sämtlichen von der Theiß gespeisten Gewässern ist verboten. In der Gaststätte neben der Brücke stehen Fischsuppe, Stör, Wels, Zander und Hecht auf der Speisekarte. Woher der Fisch komme? - Die Bedienung weiß es nicht. Ich bestelle ein Schnitzel.




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